From: "Claudia Klinger" <webwork@claudia-klinger.de>
To: <mailingliste@netzliteratur.de>
Sent: Monday, February 04, 2002 3:54 PM
Subject: [mlnl] Intro-Textentwurf von Oliver


siehe dazu auch die Mail "Netzliteratur.de sucht Mitwirkende".

Der Entwurf:


Einleitungstext:

**EOT
0.
Mailingliste Netzliteratur
Kommunikationsgemeinschaft von Menschen, die sich für Netzliteratur,
Literatur im Netz, Literatur und Netz interessieren und sich uneinig
sind, was das sein soll.

I.
Netzliteratur ist Literatur, die von Netzen erzaehlt oder beim
Knuepfen und Verwenden (Fischen z.B.) von Netzen erzaehlt wird, die in
Netze verpackt oder in Netze gekuepft wird, die sich Netze zum
formalen Vorbild nimmt oder mit Netzen verwechselt werden. Was keinen
Fisch faengt, keinen Schmetterling, was nicht taugt Butter
heimzutragen, Artisten aufzufangen oder Haare in Form zu halten,
ist keine Netzliteratur.

Ultranetztier, Natur zerteilt, Ratten zuteil.
(Literat zuernt.)
-Dirk Schröder-

II.
net.lit - Thesen zur Netzliteratur

0.0 wenn von "texten" die rede ist, so versteht sich hierunter auch
die polymediale kombination von kommunikaten.
0.1 wenn von "texten" die rede ist, so sind auch sachtexte gemeint.
0.2 wenn von "netzliteratur" die rede ist, so sind texte mit
künstlerischem anspruch gemeint, ohne dabei auf einem klassischen
autorenbegriff zu bestehen.
0.3 der koordinator von maschinellen oder kollektiven
exterstellungsprozessen kann z.b. textoperator genannt werden.

1.0 texte im netz liegen in elektronischer form vor. als datei ohne
"substanz".
1.1 elektronische texte sind leicht veränderbar.
1.2 elektronische texte im netz entstehen und verändern sich in
kollektiven prozessen. (beispiele: RFCs, FAQs etc.)
1.3 diese prozesse laufen nach technischen und sozialen "protokollen"
ab.
1.3.1 die protokolle sind selbst der veränderung unterworfen. sie
stehen teilweise zur diskussion, teilweise entziehen sie sich auch
diesem "demokratischen" zugriff.

2.0 konstitutiver faktor des netzes ist die kommunikation, die es
ermöglicht.vor. als datei ohne "substanz".
2.1 konstitutiver faktor von netzlitertur ist, dass kommunikation zum
unabdingbaren bestandteil von texten wird.
2.2 netzliteratur nutzt einen oder mehrere kommunikative protokolle
des netzes (z.b. email, file transfer,www/html, chat etc.) als
_wesentliches_ element des textes.
2.3 _wesentlich_ ist das benutzte element dann, wenn durch dessen
"entfernung" aus dem text der text eigenschaften (signale) verliert,
die dessen rezeptionsweise verändern oder seine produktionsweise
verschleiern.
2.4 eine der rezeptionsweisen von text im netz ist der der verlust der
anfang-mitte-ende-sequenz im hypertext: der text verliert anfang und
ende, ohne unendlich zu sein.
2.4.1 diese rezeptionsweise ist nicht _nur_ im netz vorhanden aber
ausserhalb des netzes nur schwer in gleicher weise emulierbar.
2.4.2 der text im netz ist _theoretisch_ auch unendlich in raum
(speicherplatz) und zeit (daten altern nicht, da sie substanzlos
sind).
2.5 produktionsweisen von text im netz sind zitat und reaktion,
rückkoppelung und demokratische abstimmung.
-Oliver Gassner-

III.
ZEIT & Softmoderene verwechseln "Hyperfiction" mit "Netzliteratur".
Sie _meinen_ Hyperfiction, _sprechen_ aber von Netzliteratur. Waehrend
Hyperfiction "nur" HTML und dessen Plugins nutzt (faktisch also
"hoechstens" das http-Protokoll aus der Internet-Suite benutzt bzw.
eben ganz ohne das Netz "an sich" auskommt), waere "Netzliteratur"
eine Kunstform, die als notwendige (aber nicht hinreichnde) Bedingung
auf einen kreativen Prozess basiert, der durch vernetze Kommunikation
bestimmt (oder zumindest tangiert) wird.
"Netzliteratur" ist so _weit_ wie moeglich zu fassen.
Es bringt wenig, Netzliteratur so zu definieren, dass einige Texte
"durch das Raster" fallen. (Das ist das _Gegenteil_ eines zu offenen
Kunstbegriffs, auf den Kunstcharakter der "Arbeiten" wuerde ich
weiterhin beharren.
Es geht darum, die Texte "formal" nicht einzuschraenken. d.h. ein
literarischer Papiertext, der massiv von Netzkommunikation beeinflusst
ist, waere nach dieser Definition ebenfalls "Netzliteratur".)
-Oliver Gassner-


**EOT


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mailingliste@netzliteratur.de
Eintragen/Austragen via: http://lists.delos.de/mailman/listinfo/mailingliste


Quelle: Claudia Klinger. <webwork@claudia-klinger.de> "[mlnl] Intro-Textentwurf von Oliver". Online-Posting. 04. Februar 2002. 04. Februar 2002. <mailingliste@netzliteratur.de>.