"dass hier kaum mehr von Netzliteratur die Rede ist..."
Zur Relevanz von Mailinglisten für den Diskurs über Netzliteratur

von Florian Hartling (Februar 2002)

Inhalt

1 Einleitung
2 Charakterisierung
3 Sicherung des Analysematerials
4 Untersuchung
4.1 "Nettime"
4.2 "Rhizome"
4.3 "Netzliteratur"
4.4 "Rohrpost"
5 Ergebnis
6 Literatur
Anmerkungen
Autor

 

1 Einleitung

In dieser Untersuchung soll die Frage geklärt werden, ob Mailinglisten, die sich die Auseinandersetzung mit Netzliteratur zur Aufgabe gemacht haben, einen Einfluss auf die Kanonisierung von Netzliteratur im deutschen Sprachraum haben [1]. Zunächst werden Mailinglisten bzw. der Internet-Dienst E-Mail, auf dem sie aufsetzen, beschrieben und problematisiert. Daran anschließen wird eine Methode entwickelt, mit der das Analysematerial gesichert werden kann, um zur eigentlichen Untersuchung zu gelangen: Die relevanten Mailinglisten wurden einer Themenanalyse über einen definierten Zeitraum unterzogen.

2 Charakterisierung

Mailinglisten setzen auf dem Dienst E-Mail auf und stellen eine relativ unkomplizierte Möglichkeit dar, ein thematisch eng umgrenztes Forum zu realisieren (vgl. Döring 1999, S. 51-58) [2]. Zu diesem Zweck wird ein Listenverwaltungsprogramm eingerichtet, bei dem sich meist problemlos jeder Internetnutzer per E-Mail an- oder abmelden kann. Außerdem übernimmt dieses die Übermittlung der Meldungen: Nachrichten an die Mailingliste sind an das Listenverwaltungsprogramm zu schicken, welches sie an alle angemeldeten Listenmitglieder weiterleitet. Der Hauptvorzug von Mailinglisten ist in dieser automatischen Abwicklung aller Prozesse zu sehen: Läuft das System, muss sich prinzipiell kein Listenbetreuer (Administrator) mehr um organisatorische Belange kümmern, er / sie kann sich statt dessen z.B. auf die Moderation der Liste [3] konzentrieren.

Die Hauptnachteile ergeben sich aus den Problemen des Dienstes E-Mail an sich: So kommt es oft zu Problemen mit Werbebotschaften (Spam), anonymen Nachrichten oder gefälschten Absendern. Eine weitere Schwierigkeit - vor allem für Forschungszwecke - stellt die Archivierung von bereits geposteten (übermittelten) Nachrichten dar: Das Listenverwaltungsprogramm ist nur für die Weiterleitung der Nachrichten zuständig, keinesfalls jedoch für deren Aufbewahrung und Aufbereitung in strukturierter Form. Archive müssen manuell erstellt und - etwa auf der Webseite der Mailingliste - publiziert werden. Dieses stellt momentan jedenfalls noch nicht den Normalfall dar.

3 Sicherung des Analysematerials

Für eine Analyse erübrigt sich dieses Dilemma allerdings, da ohnehin nur auf Primärerfahrungen zurückgegriffen werden kann, wenn man valide Schlussfolgerungen ziehen will: Aussagen über das Listengeschehen können nur für den Zeitraum getroffen werden, in dem der Forscher selbst als Lurker (passiver Leser) [4] an diesem teilnimmt. Praktisch bedeutet dies, dass nach erfolgter Anmeldung alle E-Mails, die über die Liste ankommen, zunächst auf dem eigenen Rechner archiviert werden. Nach dem Ablauf des festgesetzten Beobachtungszeitraumes stellen diese gespeicherten Nachrichten schließlich die Grundgesamtheit der Texte dar, welche analysiert werden kann. Allein dieses Vorgehen sichert Schlussfolgerungen über das reale Listengeschehen methodisch ab.

Die Bevorzugung des so entstandenen eigenen Archivs gegenüber einem möglicherweise vorhandenen Archivs der Liste selbst hat verschiedene Gründe: Zum einen kann nicht sichergestellt werden, dass bei der Erstellung des Listenarchivs irrelevante bis hin zu ungewünschten Postings einfach vernachlässigt werden bzw. Übertragungsfehler entstehen. Zum anderen können in einem solchen Archiv, das auf vor allem auf eine vollständige Erfassung aller geposteten Nachrichten abzielt, bestimmte netzspezifische Effekte nicht erfasst werden: Nicht oder nur verstümmelt zugestellte Nachrichten, falsch formatierte Postings, die mit bestimmten Programmen unlesbar sind, usw. Die Erstellung eines eigenen Archivs bzw. die Verwendung dieses bei der Analyse sichert vor allem eine korrekte Reproduktion eines netztypischen Rezeptionsvorganges. Schließlich sichert dieses Vorgehen, dass alle Nachrichten des Untersuchungszeitraumes offline auch wirklich greifbar und nicht durch Serverausfall o.ä. unerreichbar sind.

4 Untersuchung

Vier Mailinglisten haben explizit das Phänomen der Netzliteratur zum Thema (vgl. Heibach 2001):

  • "Netzliteratur", <http://www.netzliteratur.de>
  • "Nettime", <http://www.nettime.org/>
  • "Rhizome", <http://www.rhizome.org>
  • "Rohrpost", <http://www.mikro.org/rohrpost/>

Alle diesen Listen sind offen für jeden Internet-Nutzer, was bedeutet, dass Subskriptionen (Anmeldungen) ohne Einschränkungen möglich sind und angemeldete Listenteilnehmer jederzeit Nachrichten posten können.

Spielen diese Mailinglisten, oder auch nur eine/ einige von ihnen, eine relevante Rolle in den netzinternen, deutschsprachigen Kanonisierungsprozessen? Um diese Frage klären zu können, wurden die Listen stichprobenartig untersucht: Im Zeitraum vom 01.01.02 bis zum 07.01.02 ("Nettime" und "Rhizome") bzw. vom 01.01.02 bis zum 31.01.02 ("Netzliteratur" und "Rohrpost") wurden sämtliche Postings, die über die Listen verteilt wurden, archiviert [5].

Anschließend daran wurden die archivierten Nachrichten einer Themenanalyse unterzogen [6].

4.1 "Nettime"

"Nettime" stellt sich als "effort" dar,

to formulate an international, networked discourse that neither promotes a dominant euphoria (to sell products) nor continues the cynical pessimism, spread by journalists and intellectuals in the 'old' media who generalize about 'new' media with no clear understanding of their communication aspects. we have produced, and will continue to produce books, readers, and web sites in various languages so an 'immanent' net critique will circulate both on- and offline. [7]

Hinweise wie auf den "international, networked discourse" oder die Produktion "in various languages" lassen bereits in dieser Selbstbeschreibung deutlich werden, dass die Liste für den Arbeitsgegenstand irrelevant ist: Schließlich geht es in dieser Analyse dezidiert um den deutschen Diskurs.

Die detailliertere Untersuchung der Liste [8] unterstützt den Befund der Irrelevanz: Offensichtlich hat die Liste ein erhebliches Spam-Problem: 44,7% der Postings sind Werbung, unleserlich oder Testnachricht. Nur etwa 55% der Beiträge - also unwesentlich mehr als deren Hälfte - sind überhaupt als sinnvoll einzustufen. Von diesen Beiträgen ist schließlich ein Großteil offtopic oder stellt nur Information (Bewerbung von Veranstaltungen oder Veröffentlichungen) dar.

Etwa 26,8% der Beiträge beziehen sich auf das Thema Netzliteratur [9]: Also nur etwa ein Viertel aller Postings beschäftigen sich überhaupt mit dem eigentlichen Listenthema. Es ist signifikant unterrepräsentiert.

Beiträge, die sich auf den deutschen Diskurs beziehen, gehen nahezu unter: Es finden sich zwei englischsprachige bzw. zweisprachige Newsletter eines deutschen Projektes sowie ein englischsprachiger Hinweis auf ein deutsches Filmfestival. "Nettime", so das Ergebnis dieser kurzen Analyse, spielt für den Diskurs über die deutsche Netzliteratur keinerlei Rolle und muss somit vernachlässigt werden.

Tabelle 1: Themenanalyse der Mailingliste "Nettime bold"
Zeitraum: 01.01.02, 00:00 - 07.01.02, 23:59 Uhr

Kategorie Beschreibung Postings abs. Postings rel.
Diskussion Paper, Essays
Diskussion über diese
18 16,07%
Information Veranstaltungen
Veröffentlichungen
Webseiten
Call for Papers
14 12,50%
Kunst Visuelle Poesie
Andere künstl. Texte
12 10,71%
Offtopic Postings zu listenfremden Themen
Neujahrsgrüße
18 16,07%
Test Testnachrichten 1 0,89%
Unleserlich Unleserliche Nachrichten 7 6,25%
Werbung Werbepostings (Spam) 42 37,50%
Gesamt   112 100,00%

4.2 "Rhizome"

Auch "Rhizome" erweist sich als irrelevant für das Thema. Die Liste versteht sich als

nonprofit organization that presents new media art to the public, fosters communication and critical dialogue about new media art, and preserves new media art for the future. [10]

Die Mitglieder der Liste sind "geographically dispersed" [11] und sind zu etwa der Hälfte amerikanische Staatsbürger [12]. Deutschsprachige Mitglieder sind nicht näher quantifiziert, sodass davon auszugehen ist, dass diese eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Es ist festzustellen ist, dass die Postings in "Rhizome" hochgradig ontopic sind. Das völlige Fehlen von Werbung, Testnachrichten oder unleserlichen Nachrichten lässt die Vermutung zu, dass Nachrichten auf "Rhizome" bereits moderiert werden, bevor sie an die Empfänger gehen. Dies wird aber an keiner Stelle erwähnt. Der Anteil von Nachrichten, die ontopic sind, ist mit dieser vermuteten Moderation besser als bei "Nettime" [13]. Der Trend ist trotzdem erkennbar: Das eigentliche Listenthema ist mit etwa 45% relativ unterrepräsentiert.

Im Untersuchungszeitraum wurden keinerlei Nachrichten über "Rhizome" verschickt, die in irgendeiner Beziehung zum deutschen Diskurs stehen. Deshalb wurde die Beobachtung dieser Liste abgebrochen und "Rhizome" ebenfalls als irrelevant für die weitere Arbeit eingestuft.

Tabelle 2: Themenanalyse der Mailingliste "Rhizome raw"
Zeitraum: 01.01.02, 00:00 - 07.01.02, 23:59 Uhr

Kategorie Beschreibung Postings abs. Postings rel.
Diskussion Paper, Essays
Diskussion über diese
53 36,55%
Information Veranstaltungen
Veröffentlichungen
Webseiten
Call for Papers
33 22,76%
Kunst Visuelle Poesie
Andere künst. Texte
13 8,97%
Offtopic Postings zu listenfremden Themen
Neujahrsgrüße
46 31,72%
Test Testnachrichten 0 0,00%
Unleserlich Unleserliche Nachrichten 0 0,00%
Werbung Werbepostings (Spam) 0 0,00%
Gesamt   145 100,00%

4.3 "Netzliteratur"

Eine der wichtigsten, womöglich sogar die wichtigste, Mailingliste zum Thema Netzliteratur ist die 1996 gegründete Liste mit dem programmatischen Titel "Netzliteratur". Ihre Teilnehmer sind größtenteils zu dem Kreis der ersten deutschen "Netzliteraten" zuzurechnen (vgl. Ortmann 2001, S. 17). Sie diskutieren seit Bestehen der Liste, wie Netzliteratur zu definieren ist bzw. was sie im Idealfall sein sollte. Diese fortdauernde Diskussion führt zu dem Paradoxon, dass der Mailingliste im Grunde genommen das eigentlich Thema bzw. eine genaue Ein- und Abgrenzung dieses fehlt. So wird, ganz programmatisch, eine solche Beschreibung auf der Webseite der Liste verweigert: Statt dessen wird innerhalb der Liste mit großer Regelmäßigkeit um eben diese Definition gerungen. Kennzeichnend für die Liste ist also vor allem eine gewisse (und gewollte) Uneinigkeit über das eigene Thema.

Zwar ist "Netzliteratur" als offene Liste konzipiert und wird als solche auch nach außen kommuniziert, aber die Gruppe der wirklich aktiven Poster ist als relativ überschaubar einzustufen: Mithin stellt "Netzliteratur" vor allem das Kommunikationsmedium eines kleinen Kreises von Netizens dar, die sich untereinander kennen und freundschaftlich miteinander verbunden sind [14].

Diese Beobachtung drängt sich zum einen durch die Webseite der Liste <http://www.netzliteratur.de> auf: Auf der Startseite werden links die newsfeeds [15] der Webseiten einiger ausgewählter (nämlich der aktivsten) Benutzer eingeblendet. Auf der rechten Seite sind Links auf Nachrichten, Essays usw. versammelt, die von den Aktiven extra für dieses Portal geschrieben wurden. Auch die Beschreibung eines zentralen Ereignisses, des Listentreffens in Konstanz [16], deutet auf einen sehr privaten Charakter der Liste hin. Zum anderen unterstützt der allgemeine Duktus der Postings diesen Eindruck, ohne bereits in eine nähere Analyse eingestiegen zu sein: Nennung beim Vornamen, lockerer Schreibstil, (selbst)ironische Grundhaltung.

Die scheinbar kleine Gruppe der Aktiven bringt es offenbar auch mit sich, dass im Januar 2002 nur 88 Nachrichten über die Liste versandt wurden: 2,8 Postings pro Tag lassen die Liste als spärlich frequentiert erscheinen.

Bei der Themenanalyse der Beiträge des Januars 2002 wird der Eindruck vom privaten Medium noch untermauert: Der Bereich "Informationen" ist mit ca. 8% stark unterrepräsentiert (wenn man etwa die 56,6% der "Rohrpost" als Vergleich zugrunde legt). Promotion wird offenbar über andere Kanäle (eben z.B. "Rohrpost") abgewickelt. Statt dessen nehmen Nachrichten in der Kategorie offtopic fast die Hälfte der Grundgesamtheit ein: Ein Wert, der fast doppelt so hoch ist wie bei der "Rohrpost". Betrachtet man sich die Inhalte dieser Postings, wird deutlich: Hier geht es vor allem um die gegenseitige Information geht, die im Bereich Politik verortet werden kann. Außerdem geht es um den blanken, teilweise albernen Talk, der stark aufeinander bezogen ist. Schließlich wird der private Charakter durch die administrativen Nachrichten evident, die so in keiner der anderen Mailinglisten auftreten: Organisatorische Fragen, wie etwa die Austragung von Mitgliedern, der Umzug der Liste auf einen neuen Server oder der Software hinter den newsfeeds auf der Webseite, werden direkt in die Liste gepostet [17].

Auffallend ist weniger das Fehlen von Werbung oder die Abwesenheit von Postings in englischer Sprache bzw. für ein nicht-deutsches Zielpublikum. Statt dessen fällt das fast vollständige Fehlen von Essays zur Netzkunst ins Auge sowie die totale Abwesenheit von Nachrichten, die sich ausschließlich auf Netzliteratur beziehen. "Netzliteratur", so wird evident, stellt keine offene Mailingliste zum Thema Netzliteratur dar. Sie ist vielmehr als relativ geschlossener Kommunikationskanal zu charakterisieren, der von einem kleinen Kreis von Netizens als privates Forum benutzt wird.

Dieser Befund wird durch zwei Postings untermauert, die kurz nach dem Untersuchungszeitraum über die Liste gingen. Diese zitiere ich hier - bis auf die Signaturen - vollständig:

Hi Leute
beim durch die Subjekts Klicken fällt auf, dass hier kaum mehr von Netzliteratur die Rede ist. Vielleicht kann mir jemand sagen, wo sich so was wie "Netzliteratur" abspielt...
Bis dann
:-)
Regula [18]

sowie

On Fri, 1 Feb 2002 16:41:26 +0100, "Regula Erni" <regerni@starnet.ch> wrote:

>Vielleicht kann mir jemand sagen, wo sich so was wie "Netzliteratur" abspielt...

http://www.alles-bonanza.net/forum/

Oder meinst Du andere Mailinglisten zur netlit? Such halt mal nach mitlit,oder nach den 42er Autoren oder... oder gleich Rohrpost (eher Netzkunst)-- aber ob die drei Annähreungsweise haben, was Du willst. je ne sais pas.

Zudem: Hier sind die Mitglieder die Redaktion, wenn keiner was zu sagen hat hat sich auch keiner zu beschweren.

;-)

OG [19]

Die Liste "Netzliteratur" weist demnach auch keinerlei Relevanz für die Kanonisierung von Netzliteratur auf.

Tabelle 3: Themenanalyse der Mailingliste "Netzliteratur"
Zeitraum: 01.01.02, 00:00 - 31.01.02, 23:59 Uhr

Kategorie Beschreibung Postings abs. Postings rel. Postings abs. Postings rel.
Administration Listeninterna, Organisatorisches     20 22,73%
Netzliteratur Diskussion über Netzliteratur     0 0,00%
Essays Essays und Diskussionen darüber     2 2,27%
Information          
  Ausstellungen, Veranstaltungen, Vorträge 0 0,00%    
  Bücher, Zeitschriften, Magazine 1 14,29%    
  Fernsehsendungen 2 28,57%    
  Presseerklärungen 0 0,00%    
  Sonstiges 1 14,29%    
  Stipendien und Stellenangebote 0 0,00%    
  Webseiten 3 42,86%    
  Gesamt 7 100% 7 7,95&
Info.diskussion Diskussionen über Informationen     14 15,91%
Nicht deutsch Informationen u.ä. aus dem ausländischen Netzdiskurs     0 0,00%
Offtopic Postings zu listenfremden Themen (Politik, Talk, usw.)     42 47,73%
Test Testnachrichten, "subscribe"-Nachrichten     2 2,27%
Unleserlich Unleserliche Nachrichten     1 1,14%
Werbung Werbepostings (Spam)     0 0,00%
Gesamt       88 100,00%

4.4 "Rohrpost"

Die Mailingliste "Rohrpost" versteht sich als "Unabhängige deutschsprachige Mailingliste fuer [sic! F.H.] Medien- und Netzkultur" [20]. Eingebunden in den Berliner Verein "Mikro e.V. Verein zur Förderung von Medienkulturen" und von diesem sowohl redaktionell als auch organisatorisch unterstützt, charakterisiert sie sich folgendermaßen:

rohrpost ist eine offene, nicht-moderierte, deutschsprachige Mailingliste für Medien- und Netzkultur: deutschsprachige Texte, Projektbeschreibungen, Ankündigungen, Diskussionsbeiträge, Kooperationsangebote, usw..
[...]
rohrpost steht für einen kritischen medientheoretischen Diskurs und schafft Transparenz und Sichtbarkeit für Initiativen und Projekten, die es im deutschsprachigen Raum im Bereich von Medien- und Netzkultur gibt. [21]

Nähere Auskünfte über Anzahl und Zusammensetzung der Listenmitglieder existieren nicht. Allerdings lässt sich mit Hinblick auf Absender und Thematik der geposteten Beiträge schnell feststellen, dass die Ausrichtung der Liste als "deutschsprachig" auch mit der Realität übereinstimmt. Postings in englisch sind sehr selten und können deshalb vernachlässigt werden [22]. Mit 196 Nachrichten im Monat Januar, das entspricht durchschnittlich etwa 6,3 Postings pro Tag, ist die Liste als wenig frequentiert einzustufen.

Weit über die Hälfte aller Beiträge (ca. 56,6%) sind der Kategorie "Information" zuzuordnen: Veranstaltungshinweise, Links zu Webseiten, Stellenangebote usw. Mit den veröffentlichten Kommentaren zu diesen Informationen und den offtopic-Postings (wiederum Politik und Talk) sind ca. 94,4% aller Nachrichten erfasst, was deutlich macht: Die Mailingliste "Rohrpost" wird allein als schwarzes Brett benutzt [23] und kann daher nicht als Einflussfaktor für Kanonisierungsprozesse angesehen werden.

Tabelle 4: Themenanalyse der Mailingliste "Rohrpost"
Zeitraum: 01.01.02, 00:00 - 31.01.02, 23:59 Uhr

Kategorie Beschreibung Postings abs. Postings Postings abs. Postings rel.
Administration Listeninterna, Organisatorisches     0 0,00%
Netzliteratur Diskussion über Netzliteratur     0 0,00%
Essays Essays und Diskussionen darüber     5 2,55%
Information          
  Ausstellungen, Veranstaltungen, Vorträge 69 62,16%    
  Bücher, Zeitschriften, Magazine 4 3,60%    
  Fernsehsendungen 0 0,00%    
  Presseerklärungen 4 3,60%    
  Sonstiges 3 2,70%    
  Stipendien und Stellenangebote 7 6,31%    
  Webseiten 24 21,62%    
  Gesamt 111 100,00% 111 56,63
Info.diskussion Diskussionen über Informationen     24 12,24%
Nicht deutsch Informationen u.ä. aus dem ausländischen Netzdiskurs     4 2,04%
Offtopic Postings zu listenfremden Themen (Politik, Talk, usw.)     50 25,51%
Test Testnachrichten, "subscribe"-Nachrichten     0 0,00%
Unleserlich Unleserliche Nachrichten     2 1,02%
Werbung Werbepostings (Spam)        
Gesamt       196 100,00%

5 Ergebnis

Keine der vier Mailinglisten kann signifikant zu Kanonisierungsprozessen im Diskurs über deutschsprachige Netzliteratur beitragen. "Nettime" und "Rhizome" wenden sich dezidiert an ein amerikanisches bzw. globales Publikum und setzen sich überwiegend mit internationalen Vorgängen auseinander. Darüber hinaus sind sie vor allem als Informationsforen oder schwarze Bretter einzustufen, da das eigentliche Listenthema Netzliteratur bzw. Netzkunst deutlich unterrepräsentiert ist.

Letzterer Befund wird in noch viel stärkerem Maße bei den deutschen Listen "Netzliteratur" und "Rohrpost" evident: Nicht ein Posting im Untersuchungszeitraum bezog sich explizit nur auf Netzliteratur, sei es in Form eines geposteten visuellen Gedichtes oder durch die Besprechung eines Projektes.

Ausgehend von den Beobachtungen dieser Listen, die sich ja ganz dezidiert und explizit mit Netzliteratur beschäftigen, lässt sich begründet eine allgemeine Schlussfolgerung ziehen: Die Irrelevanz von Mailinglisten für Kanonisierungsprozesse gilt erst recht für Listen, die Netzliteratur nur am Rande verhandeln und natürlich überhaupt für alle diejenigen Listen, welche sich mit ganz anderen Themen befassen. Damit lässt sich die begründete These formulieren:
"Mailinglisten als spezifische Kommunikationsform werden nicht für Kanonisierungsprozesse von Netzliteratur relevant."

Erklärungen für diesen empirischen Befund sind in der Konzeption und Nutzung von Mailinglisten zu suchen: Sie dienen vor allem der Bewerbung von Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Projekten in Form des klassischen Schwarzen Brettes. Auch die Reaktionen und Diskussionen der Nutzer bewegen sich auf diesem recht pragmatischen Niveau: Reflektierte Rezensionen finden in diesem Medium nicht statt.

6 Literatur

Döring, Nicola, 1999: Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Göttingen u.a.

Hartling, Florian, 2002: Netzliteratur - Literatur im Netz. Gibt es einen Kanon der elektronischen Literatur im WWW? Magisterarbeit. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Heibach, Christiane, 2001: Auswahlbibliographie. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Digitale Literatur. Text und Kritik. H. 152. München. S. 124 - 128.

Klinger, Claudia, 2000: Netzkommunikation. Mit Mailinglisten leben. 16.02.2002. <http://www.teleteaching.de/mailinglisten/>.

Ortmann, Sabrina, 2001: netz literatur projekt. Entwicklung einer neuen Literaturform von 1960 bis heute. Berlin.

Anmerkungen

[1] Dieses Papier entstand im Rahmen einer umfangreichen Untersuchung zur Problematik der Kanonisierung von Netzliteratur. Dazu sowie zum handlungstheoretischen Ansatz, der diesem Papier zugrunde liegt vgl. Hartling 2002.

[2] Zur Bedeutung von Mailinglisten als politisches Instrument ganz im Sinne der Netizenship vgl. die vorzügliche Einführung in Mailinglisten von Claudia Klinger (Klinger 2000).

[3] Die meisten Listen sind offen und unmoderiert: Alle Nachrichten, die die Liste erreichen, werden ohne Filterung an alle angemeldeten Benutzer weitergeleitet. Hat eine Liste etwa mit dem Problem zu kämpfen, dass die meisten Beiträge offtopic (ohne Bezug zum Thema der Liste) sind oder Werbung darstellen, wird sie oft in eine moderierte Liste umgewandelt: Jede Nachricht wird geprüft und ggfl. gelöscht, bevor sie an die Liste weitergeleitet wird.

[4] Die Forderung der Passivität mag evident erscheinen, ist aber mehr als gerechtfertigt: Bereits die - kommunizierte oder vermutete - Präsenz eines Forschers in einer zu untersuchenden Liste kann deren Kommunikationsverlauf verändern, z.B. indem über ihn/ sie Vermutungen angestellt werden. Aktives Posten (Senden) von Nachrichten in die Liste verfälscht den Kommunikationsverlauf natürlich in noch viel größerem Ausmaß. Strenggenommen dürfte ein aktiver Poster "seine" Listen überhaupt nicht untersuchen.

[5] Die Beschränkung auf einen Untersuchungszeitraum von nur einer Woche bei den beiden englischsprachigen Listen im Gegensatz zu dem Zeitraum von einem Monat bei den deutschen Listen ist pragmatisch zu sehen: Es wurde bereits in dieser Woche deutlich, dass Zielpublikum und Thema von "Nettime" und "Rhizome" völlig am Untersuchungsgegenstand vorbeigehen. Deshalb wurden sie als irrelevant eingestuft und ihre Beobachtung vorfristig abgebrochen.

[6] Die englischsprachigen Mailinglisten wurden, da als irrelevant eingestuft, nur mit einem eingeschränkten Themenkatalog untersucht. Dies geschah aus pragmatischen Überlegungen. Damit werden zwar einige Tendenzen deutlich, keinesfalls jedoch sollten die Ergebnisse dieser Themenanalysen mit denen der deutschen Listen verglichen werden. "Netzliteratur" und "Rohrpost" wurden mit stärker differenzierten Themenkategorien analysiert, um die Zusammensetzung der Nachrichten genau erfassen zu können.

[7] nettime mailing list: info. Juli 1999. 30.01.2002. <http://www.nettime.org/info.html>.

[8] Untersucht wurde die unmoderierte Version der Liste namens "Nettime bold".

[9] Diese Zahl ergibt sich aus der Addition der Bereiche "Diskussion" und "Kunst". Dabei ist zu beachten, dass die Kategorie "Diskussion" noch relativ allgemein gehalten ist: In ihr sind auch Postings aufgenommen, die sich nicht ausschließlich der Netzliteratur annehmen. Der Einfachheit halber ist an dieser Stelle auf ein differenzierteres Kategoriensystem verzichtet worden. Der Trend wird aber deutlich.

[10] Rhizome.org: Info--What is Rhizome.org? o.J. 30.01.2002. <http://rhizome.org/info/>.

[11] Rhizome.org: Info--What is Rhizome.org? o.J. 30.01.2002. <http://rhizome.org/info/>.

[12] Rhizome.org: Info--Statistics. 01.01.2002. 30.01.2002. <http://www.rhizome.org/info/stats.php3> Zu diesem Zeitpunkt kamen allein 48% der Mitglieder aus den USA und nur 37% aus Europa. Besuche aus Deutschland wurden nicht spezifisch ausgewertet.

[13] Etwa 45,5% aller Postings erfolgten zu den Themen "Diskussion" und "Kunst". Wird jedoch die vermutete Bereinigung der Liste berücksichtigt, müsste ein ähnlich hoher Anteil von Werbe- und Testnachrichten an den Gesamtpostings wie bei Nettime angenommen werden. Damit würde der Anteil der ontopic Nachrichten allerdings ebenfalls auf ein Viertel zusammenschrumpfen.

[14] Ein Indiz für diese Schlussfolgerung liefert Oliver Gassner, welcher Anfang 2002 die Position des Listenadministrators innehatte, in einem Posting vom 17.01.2002: "Die neue Liste hat ca. 30 Subskribenten, was ca. der Menge der Aktiven entspricht." (Oliver Gassner. <carpe.com@gmx.de> "[NetLit] /admin/". Online posting. 17. Januar 2002. 17. Januar 2002. <netzliteratur@isjm.de>.)

[15] Die Überschriften der jeweils aktuellsten Artikel einer Webseite werden in Form einer Linkliste (newsfeed) zusammengestellt und können auch von anderen Webseiten abgerufen und angezeigt werden.

[16] N e t z l i t e r a t u r.de - Literatur in den Zeiten der Vernetzung: Treffen in Konstanz. 02.11.2001. 30.01.2002. <http://imail.iuveno-net.de:11580/Netzliteratur/Members/juh/Konstanz1998>

[17] Dies ist umso beachtenswerter, als normalerweise diese Art von Informationen aus Sicherheitsgründen nur zwischen den Listenadministratoren ausgetauscht werden, üblicherweise direkt per E-Mail. Das Posten solcher Nachrichten über die Liste lässt darauf schließen, dass ein hohes Interesse am Funktionieren der Liste vorausgesetzt wird und eine besondere Vertraulichkeit herrscht. Dies stellt wiederum ein Indiz dafür dar, dass "Netzliteratur" im Grunde genommen gar keine offene Mailingliste darstellt.
Allerdings war der Januar 2002 besonders von der Umstellung der Liste auf einen neuen Server geprägt, sodass der Anteil der Nachrichten, die der Kategorie "Administration" zuzuordnen sind, in diesem Monat unnormal hoch gewesen sein wird. Dieses außergewöhnliche Ereignis mildert den vorigen Befund etwas ab.

[18] Regula Erni. <regerni@starnet.ch> "[mlnl] Ist diese Liste tot?" Online posting. 01.02.02. 01.02.02. <mailingliste@netzliteratur.de>.

[19] Oliver Gassner. <carpe.com@gmx.de> "Re: [mlnl] Ist diese Liste tot?". Online posting. 02.02.2002. 02.02.2002. <mailingliste@netzliteratur.de>.

[20] Mailingliste: rohrpost. o.J. 30.01.2002. <http://www.mikro.org/rohrpost/>.

[21] Mailingliste: rohrpost. o.J. 30.01.2002. <http://www.mikro.org/rohrpost/>.

[22] Im Untersuchungszeitraum waren nur vier Postings in englischer Sprache, was ca. 2% der Grundgesamtheit entsprach. Die Verwendung der englischen Sprache scheint in diesem Zusammenhang vor allem ein Service für Leser der Mailingliste zu sein, die der deutschen Sprache nicht oder nur eingeschränkt mächtig sind. Außerdem scheint das Englische in einigen Postings vor allem der Erzeugung einer besonderen, künstlerischen Flyerästhetik zu dienen.

[23] Zum Selbstverständnis der Liste siehe ein Posting von Sven Guckes: "die rohrpost ist eine liste fuer ankuedigungen zu events, in die viel arbeit, zeit und gedanken gesteckt wurden. aber fuer eine diskussion ist hier wohl nicht angebracht." (Sven Guckes <guckes-rohrpost@math.fu-berlin.de>. "Re: [rohrpost] Internet als Medium -> rohrpost-diskussion". Online posting. 15.03.02. 15.03.02. <rohrpost@mikrolisten.de>.) Dieser Umstand wird durchaus auch kritisch gesehen: "dennoch <persönlich on> sind mir solche diskussionen allemal lieber als die vielen terminank <persönlich off> auf der liste." (Ritchie <ritchie@pettauer.net>. "AW: [rohrpost] Re: SMS-Encounters". Online posting. 22.01.02. 22.01.02. <rohrpost@mikrolisten.de>.) Mitte März wurde diesen unterschiedlichen Positionen offenbar Rechnung getragen, indem eine neue Mailingliste "rohrpost-diskussion" eröffnet wurde, die allein der Diskussion dienen soll. Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich diese Liste entwickeln wird.

 

Autor

Florian Hartling ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Halle-Wittenberg.

Kontakt:
Florian Hartling,
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg,
Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften,
06099 Halle,
Tel. 0345 - 55 23 588
E-Mail: florian@hartling.org,
WWW: http://www.hartling.org/ sowie http://www.mmautor.net/.